Twitterparty!

Gestern habe ich jemanden (es war die @Odenwaelderin) auf Facebook ermuntert, auch auf Twitter präsent zu sein. Hat sie dann sogar gemacht – nur um mich umgehend auf einen Kaffee einzuladen, damit ich ihr erzähle, wie das auf Twitter eigentlich so funktioniert. Da stand ich dann und musste mir überlegen, wie das so  funktioniert auf Twitter. Beim Spaziergang mit @frolleinhund entwickelte sich ein Gedanke, wie es zumindest für mich funktioniert. Keine Ahnung, ob es andere auch so sehen.

Also: Twitter ist wie Party. Und zwar eine ziemlich große Party mit vielen Menschen, von denen Du die meisten nicht kennst und die alle ziemlich wild durcheinander quatschen. Es ist laut und vieles scheint belanglos. Aber nach ein paar Stunden tanzt Du – tanzt mit ehemals Wildfremden und willst nicht mehr weg.

Verstehen kann man eine Party und ihre Dynamik, wenn man sich die wesentlichen Charaktere verdeutlicht und weiß, an wen man sich hält, um unter Leute zu kommen und Spaß zu haben (ja, darum geht es).

Fangen wir mit den entscheidenden Menschen auf der Twitterparty an. Das sind die intelligenten und witzigen.
„Witzig“  ist nicht „lustig“! „Witzig“ leitet sich – das weiß ich von meinem früheren Deutschlehrer Dr. Kauffeldt (der hat über den Anarchisten Erich Mühsam promoviert, was seinen Doktortitel deutlich cooler machte) – vom althochdeutschen „wizzīg“ ab, das wiederum „kundig, verständig, klug“ bedeutete.

Ein solcher Mensch ist in meinem Bereich (also mehr oder weniger der „Wissenschaft“) Lars Fischer, der @fischblog.
Um Euch an den ranzumachen, holt Ihr Euch am besten beim Barkeeper zwei Bier, stellt Euch zu ihm und drückt ihm eins in die Hand (lasst Euch nicht von den vielen Leuten abschrecken, mit denen er die ganze Zeit quatscht!). Die Frage, was das Äquivalent zum Bier auf Twitter ist, hängt von Euch und dem anderen ab. Im Falle von Lars ist es zum Beispiel ein link auf eine interessante Geschichte. Etwa eine über besonders fiese Parasiten. Lars liebt so was.
Aber quatscht ihm nicht gleich ein Ohr ab! Und seid nicht beleidigt, wenn er Euch nicht umgehend nach Eurer Lebensgeschichte fragt (auf Twitter nennt man das „Folgen“). Stellt Euch dazu, lauscht ein wenig dem Smalltalk – und wenn ihr etwas „Witziges“ (siehe Wortherkunft) einwerfen wollt, nur zu. Der Rest ergibt sich, glaubt mir.

Kurz zur Mehrheit auf der Twitterparty: Die Mehrheit ist recht still, sie hört zu – und genießt oder auch nicht. Wenn Ihr selbst zu erzählen beginnt, kann es sein, dass der eine oder die andere (gefühlt sind es eher die Frauen) an Euch Sternchen verteilen („Faven“). Was die bedeuten, hängt nun auch wieder komplett vom Typ und Zusammenhang ab. Das kann ein Nicken sein, ein Lächeln, ein Zuzwinkern, ein Schulterschlag, ein Orden. Egal was es ist, es ist das Prickeln auf der Party, der Sekt.

Manche, die Euch zuhören, gehen zur nächsten Gruppe und erzählen dort, was ihr gerade Interessantes erzählt habt. Das nennt sich dann „Retweeten“. Manche erzählen es auch weiter, ohne zu sagen, dass es von Euch kam. Da sind halt Idioten, die es auf jeder besseren Party gibt (wie gesagt, es sind verdammt viele Menschen auf der Party). Das sollte Euch aber nicht weiter beschäftigen.

Ja, es gibt auch langweilige und nervige Typen auf Parties. Manche von den nervigen auf Twitter nennen sich Social Media Berater. Die wollen Dir die ganze Zeit erzählen, wie das so läuft und was als nächstes geplant ist, mit wem ihr wann worüber reden müsst und so weiter. Ihr erkennt sie daran, dass sie meistens ziemlich einsam rumstehen. Diese selbsternannten Social Media-Experten sind übrigens nicht zu verwechseln mit Menschen wie @leanderwattig oder @sinnundverstand. Das sind Social Media-Macher.

Auch ein anderer Typ Partygast ist oft eher einsam (es sei denn, er oder sie hat was zu verschenken). Es sind Leute, die von ihren Firmen dorthin geschickt wurden, um allen zu erzählen, was es tolles Neues von ihrer Firma gibt. Sie tragen netterweise den Firmennamen meistens auf dem Hemdkragen, so dass man sie schnell erkennt. Ein paar von ihnen sind allerdings doch recht lustig, die arbeiten für Unternehmen wie Spektrum der Wissenschaft und haben seltsame Twitternamen wie @tohuwawohuibuh oder @mimimibe . Die verstecken den Namen ihrer Firma auch nicht, aber sie haben ihn sich eher auf den Oberarm tätowiert oder mit Filzstift auf die Stirn geschrieben – und man fragt sich die ganze Zeit, ob sie ihrer Firma nicht ein wenig peinlich sind. Es macht großen Spaß, sich auf ein Bierchen zu ihnen zu gesellen.

All jene, zu denen ich mich gerne geselle, zeichnet vor allem eines aus: Sie sind „ganz“. Sie sind nicht entweder beruflich oder privat auf der Twitterparty, nicht entweder ernst oder lustig, sondern sie sind einfach so, wie sie sind. So wie ich mir ein Gegenüber auch sonst wünsche. Das macht den Reiz des Gespräches aus. Du beginnst mit Smalltalk, wechselst zum beruflichen oder politischen, und endest im Romantischen oder Tragischen – denn auch dafür ist Raum, dann zieht man sich halt mal zum Rauchen auf die Terrasse zurück.

Und das bringt mich zu den Menschen, die mir besonders wichtig auf dieser Party sind. Diejenigen, die die Party zu einem Fest machen. Für mich sind es die Wohlfühlmenschen. Sie lassen einen teilhaben: an Freud und Leid, an ihrem Leben. Ja, sie posten manchmal Bilder von ihrem Essen und den Haustieren. Und das ist ganz prima (na gut, wenn es sich um Katzen handelt, darf es gerne ein wenig weniger sein). Es sind Menschen wie @junaimnetz und @heikeschmidt – aber auch das um sie herum entstandene Teamschnipsflausch – die Twitter zu einem besonderen Ort, zu einer besonderen Feier machen. Das Twittern mit diesen Menschen ist der Tanz auf dieser Party!

Das Besondere auf der Twitterparty aber ist vor allem, dass man sich so einfach zueinander gesellen kann. Man bringt dem @fischblog wie geschildert ein Bier mit, man stellt sich einfach irgendwo dazu – oder man hält auch mal ein Schild hoch, wenn man Leute sucht, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren oder auch gerade darüber reden. Dazu benutzt man einen #hashtag – oder sucht alle tweets, die einen entsprechenden benutzen. Der Rest ergibt sich.

Noch was Belehrendes zum Schluss: Ob die Party ein Erfolg wird, hängt vor allem von einem selbst ab. Ein klein wenig öffnen müsst Ihr Euch schon. Ihr müsst nicht auf den Tischen tanzen, aber auf dem Klo verstecken und nachher sagen, dass keiner mit Euch reden wollte, läuft halt nicht. Ansonsten aber: Viel Spaß!

PS: Die Frage nach dem „Warum Twitter“ hatte ich übrigens so beantwortet: „Auf Facebook bist Du mit den Menschen verbunden, die Dir heute wichtig sind (oder die Du ganz OK findest). Auf Twitter auch mit denen, die Dir morgen wichtig sein werden

PPS: Der @lingenhoehl hat mich gerade noch auf eine Kleinigkeit gebracht. Der hat mir nämlich zugeraunt, dass mein Hosenstall offen ist. Quatsch, er hat mich mittels „Direktnachricht“ auf einen seit/seid-Fehler im Text hingewiesen. Sowas geht also auch auf Twitter, ohne dass es peinlich wird. Als Dankeschön ergänze ich noch: Wer was über Vögel wissen will, muss @lingenhoehl folgen (Manche nutzen für so eine Empfehlung noch den Hashtag #ff. Das steht für „follow friday“ – und ist ein wenig old school).

 

8 Gedanken zu „Twitterparty!“

  1. Und wie auf ziemlich jeder Party gibt es auch auf Twitter die Selbstverliebten. Man erkennt sie zumeist daran, dass in nahezu jedem Tweet das Wort „ich“ enthalten ist.

    Übrigens: Toller Artikel!

  2. #Soisset!!11

    Dieses sehr geeignete Sinnbild reicht bis in die Ewig- bzw. Winzigkeit. Nehmen wir z.B. jemand/in, der/die die Massen – im Besonderen Partys – vermeidet, versteht sich eher als schüchtern anstatt antisozial, wird aber öfter von anderen als letzteres verstanden, jedoch wird von vielen bei auch nur kleinen Gelegenheiten als witzig empfangen — tatsächlich sehr oft und sehr so, ist dativ peinlich aber dies genossen zu haben — empfindet trotzdem ab und zu das Gefühl vom Gegenüber abstoßend empfangen zu werden und ist daher hin und her gerissen zwischen die Ahnung, dass solche Leute von Neid affektiert sind — als wollte man ihr Platz übergreifen — und die Idee, selbst schlicht wertloser Scheißmensch zu sein, und natürlich, wie alle, projiziert eine Menge auf andere.

    Diese/r Typ/in kanns nicht helfen, Partys als zu sehr infiziert vom Streben nach den Cool-Kids zu betrachten, verachten und sich schämen, zu entgehen, und bleibt für immer bei 6 Followers.

    Um diese Beispiel tiefer einzugehen, könnte man zugeben, selber das Beispiel zu sein (und das eklige „i-Wort“ verwenden, wird aber lieber als Meta-Selbstverliebter präsentierten.

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