This little town blues…

Diese Stadt ist seltsam.
Vielleicht ist diese Stadt zu schnell groß geworden. Groß, aber nicht erwachsen.

Diese Stadt hat – wie das Land – so viel Besonderes. Und dann stolperst Du immer wieder über Dinge bei denen Du denkst, das kann einfach nicht wahr sein. Nicht in einem modernen Land. Die vor sich hin sprotzende Heizung, die nur „kalt“ oder „kochend heiß“ kennt; die Sicherung, die rausspringt, wenn der Wasserkocher und die Spülmaschine gleichzeitig laufen; die Müllsäcke vor der Tür oder die Stromleitungen von Haus zu Haus… 

… es steht alles in solch einem Kontrast zu dem Büroblick auf Manhattan, zu den enormen Werbedisplays am Time Square, zu… dem Ego, das diese Stadt, das dieses Land, das die Menschen hier ausstrahlen. Und bei dem man das Gefühl nicht los wird, dass es gepaart ist mit einer großen, einer wachsenden Verunsicherung. Einer Verunsicherung, die sich letztlich im Wunsch nach „Make America Great Again“ widerspiegelt. Es stimmt einfach: Dieses Land war einmal groß. Diese Stadt war ein Leuchtturm. Heute ist die Stadt immer noch großartig, aber sie hat Kratzer bekommen. Viele Kratzer. Und das Land ist noch liebenswert, aber liebenswert in seiner Rückständigkeit. Liebenswert in der Nostalgie, die es allerorts ausstrahlt.

Manhattan
(copyright: Richard Zinken)

Ja, es gibt noch Größe. Es gibt das One World Trade Center, das Metropolitan Museum und die Opera. Es gibt den atmenden Central Park, den Hudson und East River, die Brücken und Avenues. Aber schon die Adern der Stadt, die Schienen und Tunnel der Subway, lassen einen ahnen, wie alt sie geworden ist und wie schwer es ist, sie zu pflegen. Jedes Wochenende werden die Fahrpläne massiv beschnitten, um die nötigen Wartungsarbeiten vorzunehmen. Eine Operation immer am offenen Herzen. Und die Vorstellung, dass über all diesen zu flickenden Löchern wolkenkratzende Gebäude stehen, ist schon recht gruselig. Wie kann das eigentlich funktionieren? Wie kann Wasser, Gas, Strom auf gefühlt uralten Wegen zu Millionen Menschen gebracht werden – und deren Ausscheidungen, ihre Reste und Körper wieder entfernt werden? Tag für Tag, Stunde für Stunde, immerzu, immer wieder…?

(Copyright: Richard Zinken)

Für Vorübergehende ist die nostalgische Fassade der Stadt einfach schick – bei ihren Bewohnern weckt sie Wehmut.

In Hongkong beeindruckt die Durchdachtheit der Stadtplanung. Hier beeindruckt die Improvisationsgabe. Aber – und das ist weniger der Stadt als dem Land anzulasten – oft ist man einfach perplex ob der Rückständigkeit in grundlegenden Dingen: Der Infrastruktur, den Postversandzeiten, dem Gesundheitswesen…

Ich habe dank meines Arbeitgebers eine brauchbare Krankenversicherung. Ich kann einfach zum Arzt gehen. Ich muss nicht wie andere so lange warten, bis gar nichts mehr geht. Bis man direkt ins Krankenhaus kann, wo man auch ohne Versicherung behandelt werden muss. Ich gehe zum Arzt. Ohne Termin. Ich bin der einzige Patient. Ärzte sind Inder, Syrer, Russen, Chinesen. Ärzte sind in der Mehrheit nicht reich. Und ihre Praxen alles andere als modern. Modern sind die Tierarztpraxen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vieles ist hier einfach umständlich. Ein Konto eröffnen zum Beispiel. Um ein Konto zu eröffnen, muss man nachweisen, wo man wohnt. Dazu braucht man zum Beispiel die Rechnung seines Stromversorgers an die neue Adresse. Für das Onlineformular des Stromversorgers braucht man eine amerikanische Telefonnummer. Für eine amerikanische Telefonnummer wäre es praktisch, ein Konto zu haben… and round and round and round it goes.

Wenn es ans Bezahlen geht, klafft dieses Land endgültig auseinander. Per Apple Pay den Kaffee begleichen? Kein Problem! Per App das Uber zahlen? One click! Die Miete aber? Die will der Landlord am liebsten bar, alternativ auch als Scheck. Ja, als Scheck, die Älteren unter uns erinnern sich noch.

Überhaupt, die Miete. Ja, wir haben uns eine gute Gegend ausgesucht. Eine der besten in Brooklyn. Die Wohnung aber ist alt, die Heizung und Elektrik erwähnte ich bereits. Sie stehen für den Rest. Unsere Wohnung ist wunderschön – und unglaublich teuer. Auch viele Lebensmittel sind teuer. Die Preise in den Restaurants sind OK, sofern man die 20% bis 25% Trinkgeld nicht berücksichtigt.

Ach ja, das Trinkgeld. Die vielbeschworene Dienstleistungsgesellschaft ist auch so etwas Widersprüchliches hier. Das ist nämlich viel komplizierter, als es gerne dargestellt wird. Der Dienstleistungsgedanke funktioniert im Kleinen, im Direkten und in der klaren Abhängigkeit, etwa wenn es um Trinkgeld geht. Und er hört sofort auf, wenn sich die Verhältnisse umkehren. Wenn Du etwas brauchst, zum Beispiel eine Briefmarke oder eine Sozialversicherungsnummer. Dann tust Du gut daran, den Anweisungen Folge zu leisten. Nichts einzufordern, keine Dienstleistung zu erwarten. Und da erinnerst Du Dich dann an das Bürgerbüro in Deinem Dorf in Deutschland, in dem vor Jahren begonnen wurde, den Bürger als Kunden zu sehen.

Und sonst? Hunde in New York! Natürlich ganz wichtig für mich. Der New Yorker liebt Hunde. Das aber heißt nicht, dass einem New York das Leben mit Hunden leicht macht. Im Gegenteil. Hunde mit ins Restaurant, Café, Kneipe? No way! An den Strand? Vergiss es! Ohne Leine im Park? Bis 9 Uhr! In der Subway? Nur, wenn er in eine Tasche passt! Und, und, und. Es ist ein Elend, vor allem wenn man aus einem Land kommt, in dem man es gewohnt ist, seinen Hund so ziemlich überall mit hinzunehmen.

Genug gemeckert. Ich liebe diese Stadt! Ich weiß nur nicht mehr so richtig, warum, ob trotz oder wegen ihrer Widersprüchlichkeit.

Ich liebe sie, denn ich brauche keine Musik aus dem Smartphone auf den Ohren, wenn ich morgens zur Subway gehe. Ich habe Frank Sinatra’s „New York, New York“ als Ohrwurm im Kopf. Immer. „This little town blues / Are melting away / I’ll make a brand new start of it / in old New York…“. Und immer weckt es sofort Freude in mir – und ein ungläubiges Staunen: Hier also lebe ich jetzt? Jeden Tag, einfach so?

Diese Stadt ist großartig in ihrer Vielfalt, ihrer Verrücktheit, der Unvollkommenheit und dem Verfall, großartig in ihrem unablässigem Trotzdem.

(Copyright: Richard Zinken)

Ich liebe ihre vielen kleinen Fluchten: Eine Fahrt mit der Staten Island Ferry, ein Spaziergang am Hudson-Ufer, der Blick vom Brooklyn Bridge Park, Governors Island, die Boulderblöcke unter Manhattan Bridge, unsere Neighborhood in Brooklyn, die Hunde am Sonntagmorgen im Prospect Park, ein Abendessen im Mariellas, der Espresso am Hanover Square und ein Bier vom Eckladen – auch wenn ich das nicht in der Öffentlichkeit trinken darf. Wieder einer dieser vielen Widersprüche, eine Unfreiheit in einem freien Land. Einem Land, in dem Kiffen irgendwie OK ist, dich das Rauchen einer Zigarette aber als Loser outet – oder als Europäer.

 

Boulderblöcke unter der Manhattan Bridge

Ich liebe den Größenwahn dieser Stadt, den Stolz und die Selbstzweifel ihrer Bewohner. Sie wissen um ihre Kratzer – und wollen sich gar nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Diese Stadt macht Dich erst vertraut mit ihr – und dann macht sie Dich zu ihrem Verbündeten.

 

 

 

 

4 Antworten auf „This little town blues…“

  1. Hallo Richard, ich war ja mit Moritz zum ersten mal in den USA in San Francisco.
    Als rückständiger Europäer hatte ich einen ähnlichen Eindruck von der urbanen Gebäudetechnik. Das „S-Bahnsystem“ war unglaublich ungewartet, laut und langsam. Das elektrische Leitungssystem erinnerte in großen Teilen an Istanbul-Altstadt. Für mich war der Endpreis nie ersichtlich, mal wurden Aufschläge genommen, mal nicht, mal 2%, mal 40%. Zum einen waren die Amerikaner unglaublich nett und höflich, zum anderen unglaublich kleinkariert und rabiat in der Durchsetzung ihrer Meinung (zumindest sobald sie eine Uniform trugen).
    Axel

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